Das könnte ich auch! – Dann mach doch mal. // Warum unsere Klappe meistens größer ist als unsere Motivation.

„Höhö, voll easy!“ Das ungefähr war unser Wortlaut, als ich mir vor ein paar Jahren mit meinen Kumpels (drei angehenden Filmkomponisten) die berühmten Living Room Songs des isländischen Künstlers Ólafur Arnalds auf YouTube ansah.
Ein bisschen Piano-Plömm-Plömm, gepaart mit einem Sack voll Repetitionen aus beruhigenden Spa-Akkorden, kombiniert mit wohltuenden Streicher-Liegetönen – für vier ehrgeizige Kompositionsstudenten kein Hexenwerk.
Uns gefiel was wir hörten und noch mehr gefiel uns die Vielzahl an YouTube-Klicks, die der Isländer mit vermeintlich wenig Aufwand eingeheimst hatte.
„Das könnten wir mit 40 Fieber schreiben!“, prahlten wir und waren gedanklich schon dabei die Kamera aufzustellen und das Klavier in unserer WG zu mikrofonieren. „Aber warum so langweilig im Wohnzimmer? Wir fahren mit dem VW-Bus und dem mobilen Studio durch Europa und recorden unter freiem Himmel an den schönsten Plätzen. Der melancholische Insulaner wird sich umschauen, wenn wir bald doppelt so viele Aufrufe haben.“
Soweit die Theorie…

Gemeinsam verreist sind wir tatsächlich, jedoch ohne VW-Bus und ohne Equipment. Das einzige, was wir in diesen Urlaubstagen aufgenommen haben, war eine Komposition aus alkoholischen Mixgetränken. Über unser ehrgeiziges Vorhaben haben wir nie wieder gesprochen… Prost!

Eine Situation, wie sie jeder kennt. Von oben blicken wir auf Künstler, Kollegen und deren Arbeit herab, weil wir ja alles mindestens genauso gut, ach was, noch viel besser KÖNNTEN: Den einfältigen Ballermann-Hit schreiben, das eigene Musikvideo drehen, die Gute-Laune-Melodie für die Frischkäsewerbung… mit links, Baby!
Doch auf den selbstbewussten, mal schnell dahin gesagten Konjunktiv folgt in der Regel gar nichts mehr.

WARUM?

1. Wir wollen es nicht!

„Einen Ballermann-Hit schreiben? Das könnte ich auch!“
Aber bist du wirklich bereit, dir einen derart hohen Pegel anzutrinken, um dich auf das erforderliche Niveau herabzulassen?
Obendrein müsste Mickie Krause zum Einsingen vorbeikommen, aber mit Sicherheit ist er in deinen Top 100 der Leute, die du unter keinen Umständen im Tonstudio haben möchtest, ganz vorn mit dabei. Daher die einfache Antwort auf die Frage, warum du nicht direkt loslegst: Du willst es gar nicht!

2. Wir verlieren das Ziel aus den Augen

„Ein Musikvideo in Eigenregie drehen? Das könnte ich auch!“
Immerhin ist jeder grenzdebile YouTuber dieser Kunst mächtig. Einfach ein paar Freunde anrufen, die Canon schnappen, drauf los filmen und schneiden. Apropos schneiden… Wer ist eigentlich dieser Final Cut und warum stresst´n der so rum? Mit so viel Widerstand hast du nicht gerechnet. Zur Entspannung schaust du erst mal ein Katzenvideo… und dann noch eins… und noch eins… Huch! Draußen scheint die Sonne… Du klappst den Laptop zu und legst dich an die Isar… Sechs Wochen später fällt dir das Video wieder ein, du blinzelst in die Sonne und fragst dich: „Brauche ich das überhaupt?“

3. Wir können es doch nicht

„Einen Werbejingle schreiben? Das könnte ich auch!“
Begeistert sitzt du an deiner Komposition für einen cremigen Brotaufstrich. Wahnsinn, wie passend die von dir gewählten Klänge die zart schmelzende Mixtur des Produkts unterstreichen. Auch deine Mutter, die gerade einen Teller mit Leberwurstbroten auf dem Piano abstellt, ist begeistert. Der einzige, den du mit deinem frisch zubereiteten Klangkäse nicht hinter der Theke hervorlocken kannst, ist der Kunde selbst. Den Pitch gewinnt ein anderer Streichcreme-Composer.
Schade, war wohl doch nicht so leicht…

In vielen Fällen würde uns eine kleinere Klappe guttun.
Und am besten ist, wir reißen sie erst auf, wenn auch wirklich etwas passiert ist.
Ach ja, und wenn du das nächste Mal durchs Museum Brandhorst gehst, schmunzelnd auf den Cy Twombly blickst, deiner Freundin in die Seite stupst und dir ein keckes „Das könnte ich auch malen!“ über die Lippen kommt, dann denke immer dran:
„HASTE ABER NICHT!“

Danke für´s Lesen. Ich leg´ mich jetzt wieder hin.

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Vorschau: HAUSBESUCH –  Ich bin zu Gast bei Oboistin Miriam Green.
Nächsten Montag um 14:30 Uhr!

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P.S. Olafur Arnalds hat inzwischen einen Hollywood Film vertont. Wir nicht.

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