„Meine Welt ist kalt, ich finde keinen Halt.“ – Sexy Endreime, Gin Tonic und Überlänge // Die Open Stage im LOST WEEKEND

„Hoffentlich haben die Alkohol da!“ Unsere Sorge war berechtigt, als sich meine Freundin Sophie und ich am vergangenen Freitag auf den Weg zur Open Stage ins Münchner LOST WEEKEND machten. Erstens war das Wetter so unterirdisch, dass die Einnahme von Alkoholika spätestens zur Mittagszeit angebracht gewesen wäre und zweitens steht die Location, ein veganes Hipster Café feat. Buchladen, eher für #eatcleanfeelfreshkrauldirdeinenzottelbart als für #halligallidrecksauparty.

Tagsüber bin ich ein echter Fan dieses Ladens und auch in den Abendstunden hat er mich nicht enttäuscht, denn – siehe da! – in der Schublade links unten hinterm Tresen hat der freundliche, barkeepende Veganer eine Flasche Gin versteckt. GLÜCK GEHABT! Es kann losgehen. 

Mit Strohhalm im Mund nehmen wir auf der Fensterbank Platz und checken die Gäste ab. Die Plätze sind gut gefüllt und das Publikum gemischt. Vom schüchternen Bücherwurm bis hin zur umtriebigen Erasmus-Studentin ist alles dabei. Sehr nette, überwiegend junge, angenehme Leute, die sich höflich entschuldigen, wenn sie dich im Vorbeigehen zärtlich anrempeln und ganz selbstverständlich deinen Longdrink ersetzen, sollte dieser versehentlich auf dem Boden landen.

Kurz nach acht betritt Moderator Alex die Bühne und kündigt einen gemischten Abend an: Singer/Songwriter, Bands, Comedians und Poetry Slamer – hier darf jeder vortragen, der sich rechtzeitig per E-Mail angemeldet hat. 

Den Auftakt macht eine 4-köpfige Band, die an diesem Abend ihren allerersten Auftritt hat. Darunter drei hübsche junge Mädchen mit überaus schönen Stimmen. Aufgrund der genannten Tatsachen überlege ich kurz, sie zu hassen, entscheide mich aber dagegen und sinniere stattdessen darüber, mit welcher der drei Nachtigallen das vierte Bandmitglied, Gitarrist Eduard, aktuell was am Laufen hat. Bevor ich mich festlegen kann, ist die dritte Cover-Nummer verklungen und Eyecatcher Saram Salami betritt die Bühne. Lustige, dadaistische Texte mit stümperhaften Gitarrenakkorden begleitet – eine durchaus unterhaltsame Angelegenheit. Der Abend scheint ganz nett zu werden. Weiter geht´s:

e-moll, e-moll, e-moll, e-moll, e-moll, e-moll, e-moll, e-moll, a-moll, a-moll, a-moll, a-moll, e-moll, e-moll, e-moll, e-moll, e-moll, e-moll, e-moll, e-moll, a-moll, a-moll, a-moll, a-moll… Gefühlte zwölf Gitarrenspielende Singer/Songwriter später erschöpft sich die Sache. Ich kann vor lauter Schrammelalarm gar nicht mehr klar denken. Es sind einige gute Gitarristen und Sänger dabei, wie Straßenmusikerin Marie zum Beispiel, aber drei bis vier Lieder pro Künstler sind irgendwie zu viel. 

Auch das Publikum wird immer unruhiger. Wer bis Darbietung Nummer drei noch aufmerksam gelauscht hat, quasselt spätestens jetzt halblaut mit seinem Banknachbarn oder drängelt sich, so wie ich, vor zum Tresen, ignoriert die Matcha-Chai-Hibiskus-Getränkekarte und deutet auf das Fach links unten. Ziemlich unhöflich den Auftretenden gegenüber, aber nicht mal wir können uns bei Zeilen wie „Meine Welt ist kalt, ich finde keinen Halt“, ein amüsiertes Glucksen mit anschließender tiefenpsychologischer Diskussion über das Gehörte verkneifen.

Ein echter Ausreißer nach oben ist Ivo Vollering aus Berlin. Er hat schönes Haar und überzeugt mit versiert gezupften Instrumentalstücken.

Bereits bei Gin Tonic Nummer drei angelangt, sind wir immer noch nicht am Ende. Hätte ich mir nicht vorgenommen, jeden Künstler anzuhören, wären wir, so wie einige Gäste, vorzeitig gegangen. Noch eine Poetry Slamerin, noch ein singender Sport- und Geographie-Lehrer mittleren Alters, noch ein Ukulele-Mädchen und noch einen Rudi später, erklingt der Schlussakkord. Aus die Maus. Es ist kurz vor elf, der Chia-Pudding ist alle und die Gäste gehen nach Hause.

Eine schöne Veranstaltung, aber die Überlänge hätte es nicht gebraucht.

Resümee für Besucher:
Vorbeischauen lohnt sich, quasseln ist unhöflich und früher gehen keine Schande. (Wo der Gin versteckt ist, wisst ihr ja jetzt.)

Resümee für Künstler:
Die Open Stage ist ein super Ort für erste Auftritte und für´s Ausprobieren von neuen Liedern und Texten. Die Stimmung zwischen den Akteuren schien, zumindest vom Weiten betrachtet, sehr wohlwollende und harmonisch und der Techniker hat einen guten Sound gemacht. 

Die Veranstaltung findet regelmäßig am Ende des Monats statt. Unter http://lostweekend.de/events kannst du dich anmelden. Am besten frühzeitig, der Andrang ist groß;)


Vorschau: Hausbesuch bei Filmkomponist David Reichelt – nächsten Montag um 14:30 Uhr!

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