Dranbleiben oder Aufgeben? // Das Drama mit der eigenen Musik

Mit siebzehn schreibt man die ersten Songs, tritt, begleitet von einem Gitarre spielenden Wuschelkopf beim Schulfest auf und wird mit frenetischem Applaus gefeiert. Mutti ist stolz, Vaddi lässt einen Fuffi extra für die Gesangsstunde springen und auf dem Beliebtheitsbarometer der Mitschüler macht man einen ordentlichen Satz nach oben.
Kurz nach dem Abi geht´s ab nach Berlin – die Pflichtheimat für junge, aufstrebende Musiker. Noch drei Jahre bis zum Echo…

Ups, da gibt es ja noch andere. Entsetzt stellt man fest, dass die Hauptstadt so einiges an Talenten zu bieten hat. Komisch, in Oberursel war man doch die einzige vielversprechende Sängerin… Kein Grund sich entmutigen zu lassen. Die ersten Produzenten fragen an, ein dicker Mitvierziger kommt mit einem Management-Vertrag um die Ecke und das erste Album ist in Planung…

Und dann ist man plötzlich Mitte zwanzig und die erste CD ist immer noch nicht erschienen. Die Produzenten wurden primär touchy nicht produktiv, der dicke Manager stellt sich tot und die Zeit als optimistische Neuberlinerin gehört längst der Vergangenheit an.
Die Realität hat den anfänglichen Zauber weggehext, das Konto ist leer und Mutti betont ständig, dass es noch nicht zu spät sei für einen anständigen Beruf.
Und was nun?

Zahlreiche Singer/Songwriter dürften sich in dieser Geschichte wiedererkennen. Es ist meine. Vor sieben Jahren saß ich gemeinsam mit meinen zerplatzten Karriereträumen und einem leeren Sparschwein in der kleinen Berliner Altbauwohnung und wusste nicht mehr weiter. Während sich mein Gitarre spielender Wuschelkopf in eine bekannte Band schrammelte und meine ehemaligen Klassenkameraden längst kreditwürdig waren, war ich nur die weltfremde Musikerin, die seit Jahren keine nennenswerten Erfolge verbuchen konnte. Die Stimmung war auf dem Tiefpunkt, es war mir peinlich und ich musste mich entscheiden:

Dranbleiben oder Aufgeben?

Bei diesem Dilemma hilft folgende Regel: 

Überwiegen die schönen Momente und positiven Gefühle bei dem, was du tust, dann mach weiter! Widerstände sind normal und letztendlich hat das Gelingen einer Karriere sehr viel mit Glück zu tun. Wenn dir der Weg, wohin auch immer er dich führt, Spaß bereitet, dann gehe ihn weiter!
Sollte dein künstlerisches Schaffen hingegen in Quälerei ausarten, deine Motivation komplett hinter der Ofenheizung verschwunden sein und du schon beginnen, dir den Aushilfsjob in der 80er-Jahre-Coverband schön zu reden, dann lass diesen Traum hinter dir. Wenn es dich fertigmacht, macht es dich eh nicht glücklich.
Übrigens, man muss nicht gleich vom Aufgeben reden. Man kann es auch Loslassen nennen. Das klingt hübscher, hat etwas Befreiendes und erwärmt die Herzen der Eso-Muttis.

Reset.

Ich habe damals einen klaren Schnitt gemacht und alles auf Anfang gesetzt. Neue Stadt, neue Kollegen, neues Studium, neue Freunde. Der Druck war weg und ich konnte von vorn beginnen. Zwei Jährchen dauerte es, bis ich wieder Songs schrieb. Einfach aus Spaß, ohne hohe Erwartungen.
Und dann kam eins zum anderen: Die ersten schönen Auftritte, die erste kleine Tour, ein tolles Management, das erste Album, Radio, Fernsehen und ein Buch. Man kann nicht vom magischen, großen Durchbruch sprechen, aber ich kann seit fast fünf Jahren von meiner eigenen Musik leben und habe dabei eine richtig tolle Zeit.
Und vor allem bin ich heilfroh, jetzt nicht auf gruseligen Dorffesten Hits von Roland Kaiser singen zu müssen;)

Danke für´s Lesen. Ich leg mich jetzt wieder hin.

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Buchtipp: „Juhu, berühmt! Ach nee, doch nich´ – Unerhörte Abenteuer einer Musikerin“

Juhu, berühmt! Ach nee, doch nich´

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Vorschau: Hausbesuch bei Geiger Matthias Well – nächsten Montag um 14:30 Uhr

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