Hausbesuch bei Matthias Well // Der Geiger aus dem Geysir

Name: Matthias Well
Alter: 24
Beruf: Geiger
Wohnort: München
Wovon lebt er? Auftritte, Unterrichten                                                                     Aktuelle Projekte: Die erste eigene CD „Funeralissimo“ (erscheint im Herbst bei Genuin)

Seine Eltern lernten sich auf einer Demonstration in Nizza kennen, gezeugt wurde er in den heißen Quellen Islands. Er ist ein Geige spielender Halbfranzose und gehört zur wahrscheinlich musikalischsten Großfamilie Bayerns… Es klingt wie der Plot eines unterhaltsamen arte-Streifens, ist aber das Leben von Matthias Well. Servus, Bonjour, da schaugt´s her, regardé!

Matthias nicht auf Anhieb sympathisch zu finden, ist in etwa so, als ob man Hundebabys nicht mag. Als ich ihn zu Hause besuche, hat er extra Kuchen gekauft, Kaffee gekocht und im Rahmen seiner Möglichkeiten aufgeräumt. Ordnung ist nicht unbedingt seine größte Stärke, aber dafür hat er ja genug andere, allen voran die Musikalität. Eine Begabung, die ihm, dank seines familiären Backgrounds, in die Wiege gelegt wurde.
Wem der Name „Well“ nichts sagt, bei dem sollte es spätestens bei den „Biermösl Blosn“, der bekannten bayrischen Musikkabarettgruppe, klingeln. Matthias Vater (der dreizehnte von fünfzehn Geschwistern!) war Gründungsmitglied. So wie einst die „Biermösl“ gibt es etliche weitere Musikformationen, bestehend aus Wellschen Familienmitgliedern. Matthias selbst tritt mit seiner Schwester Maria als „Two Well“ und „nouWell Cousines“ auf.

Die Geige spielt er seit seinem fünften Lebensjahr und auch knapp zwanzig Jahre später, nach vielen tausend Übungsstunden, Meisterkursen und dem klassischen Musikstudium, scheint es ihm noch immer große Freude zu machen. Er wirkt nicht wie ein verbissener, überehrgeiziger Klassik-Nerd, sondern wie ein offener, kreativer Kopf, für den die Musik, neben Deutsch und Französisch eine weitere Sprache ist. Es ist nicht nur sein Können oder seine Virtuosität, es sind vor allem die guten Idee, die den jungen Musiker ausmachen. Mit einer davon gewann er jüngst den renommierten Fanny Mendelssohn Förderpreis. Dafür interpretierte er Trauermusiken aus verschiedenen Teilen der Welt auf der Violine. Klingt erst mal depri, kommt in einigen Kulturkreisen aber durchaus fröhlich daher –  in Indonesien zum Beispiel. Ein tolles Konzept für die erste Solo-CD. „Funeralissimo“ wird sie heißen und diesen Herbst beim Klassiklabel Genuin erscheinen.

Aber wie sieht eigentlich Matthias Alltag aus? Als er mir erzählt, dass er immer um 08:00 Uhr aufsteht, muss er selbst lachen. Auch wenn sein Wecker um diese Uhrzeit klingelt, heißt das noch lange nicht, dass sich der Künstler automatisch aus dem Bett erhebt. Matthias schläft lieber bis zehn, verbringt viele Stunden des Tages mit Üben und schlägt sich zusätzlich mit organisatorischen Dingen rum. Er weiß längst, dass es auch in der Klassik nicht mehr ausschließlich auf das Können, sondern ebenfalls auf die Art sich zu verkaufen ankommt. Einige von diesen klassischen Musikern sollen seit kurzem ja sogar einen Instagram-Account haben… #yay 

Nachdem er die meiste Zeit des Tags im Übungsraum verbracht hat, packt er die Geige gern noch einmal in der Unterführung am S-Bahnhof aus und macht Straßenmusik – nur so, um den Kopf frei zu kriegen. Er geht regelmäßig schwimmen, war in den vergangenen drei Jahren einmal im Fitnessstudio und spielt jeden Donnerstagnachmittag Tischtennis mit Seniorinnen. Seine Jugendlichkeit verschafft ihm hier keinerlei Vorteil. Die rüstigen Omis zocken ihn an der Platte so richtig ab.

Alle seine Geschichten beschreiben ein schönes, chaotisches heile-Welt-Szenario. Dabei ist auch Matthias an einigen Punkten seiner musikalischen Laufbahn gescheitert.
Er sieht das nicht zwangsläufig negativ. Misserfolge gehören eben dazu. Er betrachtet sie als Ansporn, als wichtigen Impuls für sein künstlerisches Vorankommen.
Auch um die Zukunft macht er sich keine allzu großen Sorgen. Das Studium abschließen, auftreten, kreativ bleiben, vielleicht ins Orchester – der 24-jährige bleibt entspannt. Egal was passiert, er hat immer eine Familie, die ihn auffängt.

Und Matthias nervigstes Musiker-Klischee?
„Alle Musiker sind Chaoten“
WIDERLEGT… Ach nee… das kann er ja gar nicht…
Matze ist auf eine so charmante Art verpeilt, dass man sich kaum wundert, dass er sich im vergangenen Monat schon drei Mal ausgesperrt hat;)


 

 

3 Gedanken zu “Hausbesuch bei Matthias Well // Der Geiger aus dem Geysir

  1. Mit der fast schwebenden Leichtigkeit und der von innen kommenden Fröhlichkeit, die er selbst samt Geige ausstrahlt, ist er ein Geschenk für jedwede Zuhörerschaft..

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