„Woran arbeitest du grad´?“, „An meiner Bräune!“ – Warum der Workaholic-Wahnsinn albern ist

„Ich hab´ soooo viele Projekte“, prahlt Bodo und nippt nervös an seiner Rhabarberschorle. Alkohol kann er heute Abend nicht trinken, schließlich muss er nach unserem Treffen noch einen Song abmischen. Seit fünf Jahren war er nicht mehr im Urlaub. Stattdessen nahm er jeden Produktionsauftrag an, belieferte Plattenfirmen mit schlimmen Schlagern, ließ keine Networking-Gelegenheit aus und ging anstelle von Groupies primär mit ProTools ins Bett.
Klar, wenn man so fleißig ist wie er, verdient man eine Menge Geld und steigt schnell zum ordentlichen GEMA-Mitglied auf, aber um einen herum schwubbelt eben auch die Aura eines verbissenen, überambitionierten Jedi-Ritters.
„Und woran arbeitest du grad´?“, reißt er mich aus meinen Gedanken. Ich nippe an meinem  zweiten Gin Tonic und bin unschlüssig, was ich darauf antworten soll. Früher hätte ich mit Sicherheit zu einer maßlos übertriebenen Schilderung all der crazy spannenden Sachen angesetzt, die aktuell in meiner Berufswelt abgehen – schon allein, um Bodo in nichts nachzustehen. Aber irgendwie möchte ich mir diese Mühe heute Abend nicht machen:
„In erster Linie an meiner Bräune“, sage ich, ziehe die Überreste meines Longdrinks geräuschvoll durch den Strohhalm und grinse mein Gegenüber herausfordernd an.

Das ist die Wahrheit. Ich habe in den vergangenen Monaten überhaupt nichts gemacht. Das zweite Album, die Kompositionsaufträge, meinen Roman, das Klavier, den Blog – all das habe ich links liegen gelassen, um mich an unverschämt schönen Orten in die Sonne zu brezeln. Auf der To-Do-Liste stand nur Surflehrer Klaus den Rücken eincremen.. Das Bemerkenswerte daran: Im Gegensatz zu meinen vorhergehenden Beachbreaks der letzten Jahre, hatte ich nicht mal den Hauch eines schlechten Gewissens, denn heute weiß ich:

Es gibt 5 gute Gründe, sich als freiberuflicher Musiker eine ausgiebige Auszeit zu gönnen.

1.   Einfach weil man´s kann
Den Chef um Erlaubnis fragen? Urlaubstage beantragen? Das kann man sich als Freiberufler alles sparen. Wir sind flexibel und können selbst bestimmen, wann und wie lange wir pausieren wollen. Luxus.

2.   Pausen fördern die Kreativität
Monatelanges Einigeln im Übungsraum oder dem Tonstudio hat zwar viel Schönes, führt aber nicht selten zu Tunnelblick und Schreibblockade. An dieser Stelle schafft eine bewusste Auszeit Platz für neue Ideen.

3.   Ausspannen und Ausmisten
Machen wir uns nichts vor: Durch eine längere Pause geht einem mit Sicherheit das ein oder andere Konzert und Projekt durch die Lappen. Aber stehen wir überhaupt hinter all dem, woran wir momentan arbeiten? Müssen wir wirklich jeden Auftrag annehmen und jeden Gig spielen? Der Urlaub ist der optimale Zeitpunkt, um sich darüber bewusst zu werden, wie, wo und mit wem es beruflich weitergehen soll und um endlich einmal ordentlich auszumisten.

4.   Work away
Wir haben das Glück, in vielen Dingen nicht ortsgebunden zu sein. Texten und Songwriten beispielsweise geht unter einer beschaulichen Palmengruppe oft noch viel besser als zu Hause.

5.   Nach dem Urlaub geht es weiter
Und das in der Regel mit doppelt so viel Elan. Je länger die Rumgammelphase, desto größer die Freude, endlich wieder loslegen zu können. Mit Vollgas.

„Das könnte ich mir nicht erlauben. Dafür läuft es hier einfach zu gut“, entgegnet meine Verabredung und bricht für eine weitere Nachtschicht in Richtung Tonstudio auf. Er will unbedingt an seiner Karriere als Burnout-Bodo weiterarbeiten. Ich bleibe noch ein bisschen sitzen, krame meine Kladde hervor und widme mich meinen neuen Songideen. Bei mir läuft´s ja auch – ich bin dabei halt nur hübsch braun gebrannt 😛

Danke für´s Lesen. Ich leg´mich jetzt wieder hin.


Der nächste Artikel folgt am kommenden Montag um 14:30 Uhr!

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