Hausbesuch bei Pianistin Antoniya Yordanova // Integration ist, wenn man auf Deutsch streiten kann

Name: Antoniya Yordanova
Alter: 31
Beruf: Pianistin
Wohnort: Essen
Wovon lebt sie? Auftritte, Unterrichten, Arbeit mit behinderten Kindern
Aktuelle Projekte: die Klavierduo-CD „Synergy“

Irgendwo im Ruhrpott empfängt mich Pianistin Antoniya sehr gastfreundlich in ihrer gemütlichen mintfarbenen Küche. Mit warmer Stimme und viel Humor erzählt sie aus ihren letzten Musikerjahren. Dabei könnte einem das Lachen an der ein oder anderen Stelle sprichwörtlich vergehen. Es hätte für sie viele Gründe gegeben, ihr Vertrauen, ihren Mut und ihre Warmherzigkeit zu verlieren. Aber das hat sie nicht!

 

 

„Ich war schon immer viel zu brav“, witzelt Antoniya fast entschuldigend, als sie von ihrem musikalischen Werdegang berichtet. Brav geübt, brav Wettbewerbe gespielt, brav Klavier und Kammermusik studiert… Keine Faulenzereien, keine verlorenen Jahre, keine exzessive Partyzeit im Teeniealter. Antoniya war stets fleißig. Sonst würde sie ihr Instrument wohl kaum so erstklassig beherrschen, wie sie es heute tut.

Das Klavierstudium begann sie in ihrem Heimatland Bulgarien und brachte vier reguläre Studienjahre mal eben in 24 Monaten unter. Für die Liebe kann man das machen, dachte die Überfliegerin und zog frisch liiert mit Freund und Duo-Partner Ivan Kyurkchiev weiter ans Konservatorium nach Brüssel. Das Musikerpaar machte dort den Master und landete vor fünf Jahren in München, um gemeinsam Kammermusik für Klavierduo zu studieren. Und dann kamen die Schwierigkeiten:

Fremdes Land, fremde Sprache, fremde Menschen. Antoniya ist keine Person, die laut und polternd mit einem aufdringlich-selbstbewussten „Hier bin ich!“ daherkommt, sie ist angenehm ruhig und zurückhaltend. Durch die Sprachbarriere fiel es ihr oftmals schwer, ihr Gegenüber richtig einzuschätzen und so wurden ihr Talent und ihre Gutmütigkeit von einigen Kollegen ausgenutzt. Absprachen wurden nicht eingehalten, für Konzerte gab es keine Gage, ein Veranstalter betrog sie um 4000€ und sie arbeitete knapp zwei Jahre unbezahlt als Studio-Pianistin, bis sie merkte, dass der Auftraggeber nie vorhatte, die vereinbarte Gegenleistung zu erbringen. Das war der Punkt, an dem Antoniya lernte „Nein!“ zu sagen und zwar in der Sprache, die sie inzwischen fließend beherrscht. „Wenn du auf Deutsch streiten kannst, dann bist du integriert“, lacht sie, anstelle über Vergangenes zu jammern.

Es gab ja auch sehr schöne Momente in ihren Münchner Musikhochschuljahren. Sie schwärmt von guten Freunden und inspirierenden Kollegen, von Meisterkursen, bei denen sie Größen wie Yo-Yo Ma begegnete und von dem Projekt LifeMusicNow, für das sie lange Zeit spielte. Getreu dem Leitfaden des Projekts, ist es auch ihr ein persönliches Anliegen, Musik an diejenigen Menschen zu bringen, denen es nicht möglich ist, in Konzerte zu gehen. Die heilende und tröstende Wirkung der Klänge fasziniert sie. Das ist nur einer der Gründe, weshalb ihr die kreative Arbeit mit behinderten Kindern, ihr zweites Standbein, so viel Spaß macht.

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„Synergy“ – unter diesem Titel erschien jüngst die erste Klavierduo-CD von Antoniya und Freund Ivan. Seit elf Jahren sind sie nun ein Paar und gemeinsam auf Klassikbühnen unterwegs. Konkurrenzdenken und Eifersucht gibt es bei den beiden Pianisten kaum. Viel mehr lassen sie sich vom Spiel des anderen inspirieren.

Vor knapp einem Jahr verschlug es die beiden Musiker nach Essen. Aus der bayerischen Landeshauptstadt in den Ruhrpott? Ernsthaft? Doch wenn man Antoniya erzählen hört, kann man es verstehen. „München ist wunderschön, aber ich konnte die Stadt aufgrund der Umstände nie richtig genießen“, sagt sie. Neben all den Enttäuschungen war es auch der Münchner Wohnungsmarkt, der es mit dem bulgarischen Musikerpärchen nicht gut meinte. Nach sechs Umzügen innerhalb eines Jahres stand fest, dass es so nicht weitergehen kann.

Auch wenn sie in der neuen, ungeahnt grünen Heimat noch nicht komplett angekommen ist, hat sie bereits gute Freunde, Kontakte, Jobs und endlich ein schönes Zuhause. Da kann man nur viel Glück für die Zukunft wünschen. Es sollte mehr Menschen wie Antoniya geben!

Und Antoniyas nervigstes Musikerklischee?
„Du spielst Klavier? Und was sonst noch?? Das mit dem Piano kann doch nicht alles sein?!“
WIDERLEGT!
Wenn man so gut spielt wie sie, dann ist das eine Lebensaufgabe!

 

 

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