Wo ist denn dein Baby? – Beim Vater. – Oh Gott! // Freiberuflich mit Kind

Es ist Freitag Abend und ich betrete den Backstagebereich eines Berliner Clubs. Zwei Maracuja-Schorle schlürfende Kolleginnen begrüßen mich freudig. In ein paar Stunden werden wir gemeinsam auf der Bühne stehen:
„Hey Christin! Schön dich zu sehen. Wo ist denn dein Baby?“
„Beim Vater.“ Plötzlich blicke ich in zwei verwirrte Gesichter:
„Aber der ist doch erst vier Monate?!“
„Nö, der ist 36.“
Leider kann mein verdammt fetziger Witz die Stimmung nicht in den Ausgangszustand zurücksetzen.
Marie schüttelt abwertend den Kopf, Anni trinkt ihre Maracuja-Schorle auf Ex.
Genau wie alle übrigen weiblichen Personen, denen ich vom offensichtlich höchst ungewöhnlichen Aufenthaltsort meines Sohnes erzählte, sind meine Kolleginnen sichtlich unerfreut über diesen Zustand.
Würde mich nicht wundern, wenn Anni, inzwischen in ihr Handy tippend, bereits den Kontakt zum zuständige Jugendamt googelte. 

Mir sind solche Reaktionen schleierhaft. Mein Sohn ist beim Vater! Warum auch nicht? Der hat ihn schließlich gemacht.
Als Musikerin bin ich häufig unterwegs und habe nicht vor, daran etwas zu ändern. Im Gegenteil: Nach einer Woche Füttern, Wickeln, Waagenschieben, wünsche ich mir sehnlichst einen Abend vor erwachsenem (!) Publikum feat. Weißwein-Schorle und Mentholzigaretten herbei. Und nein, ich sitze dann nicht schluchzend in der Ecke, weil ich den kleinen Kacker so doll vermisse – ich genieße die freie Zeit und freue mich umso mehr, meine Männer nach ein, zwei, drei Tagen wieder zu sehen. 

Trotzdem erschreckt es mich jedes Mal, wie stark wir in konservativen Rollenbildern festhängen. Egal wie psydo-aufgeklärt wir tun – spätestens bei der Babybetreuung hört der Spaß auf. Es wird immer noch erwartet, dass Kinder unter einem Jahr non-stop bei Mami bleiben. Und wenn es schon hart auf hart kommt und die Kleinen für kurze Zeit zu Vaddi oder Omma müssen, dann doch bitte mit einem ordentlichen Vorrat an abgepumpter Muttermilch im Gepäck. 

Traurigerweise sind es fast ausschließlich die Damen, die in dieser Angelegenheit rumstressen. Männer reagieren auf die frühe väterliche Betreuung meines Sohnes in der Regel bloß mit einem beiläufigem „Cool.“ Auch mein Mann scheint es „ziemlich cool“ zu finden. Erst gestern sind die beiden Boys mit dem ICE von Hamburg nach München gefahren. Ja, ein Vater mit einem 4-Monate-altem Baby alleine im Zug. Alleine!
„War’s stressig?“, frage ich, als ich die beiden begrüße.
„Nö!“ strahlt er. Das Baby strahlt auch.
Im Laufe des Abends erfahre ich, dass beim kleinsten Mucks, den der Sprössling auf der sechsstündigen Fahrt von sich gab, fremde Frauen zur Hilfe eilten.
„Die waren alle totaaaal nett“, betont mein Mann und ich bin fast beleidigt. Bei den letzten dreihundert ICE Fahrten, die ich mit Baby und sechsundzwanzig Gepäckstücken unterwegs war, haben mir nie fremde Frauen geholfen…

Mädels, da stimmt doch was nicht! Jetzt sind wir schon so weit gekommen: Die Vatis sitzen im Kreissaal neben uns, googeln Bindetechniken fürs Tragetuch, nehmen Elternzeit, brummen Schlaflieder und kochen Bio-Babybrei. Glaubt mir: Die kommen auch ein Wochenende alleine mit Säugling klar! 

Mein Auftritt in Berlin war auf jeden Fall schön und nachdem meine beiden Kolleginnen von Maracuja- auf Weißwein-Schorle umgestiegen waren, hatten wir doch noch einen sehr entspannen Abend. „Mein Mann hätte das nie gemacht“, sagt Marie, ebenfalls Mutter einer fünfjährigen Tochter, nachdenklich zu später Stunde. „Augen auf bei der Partnerwahl“, denke ich und schenke ihr nochmal nach. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s